Auferstanden - Neverwinter Nights: Enhanced Edition in den Startlöchern

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Das Wiederbeleben einer Spielreihe kann in unseren durchkommerzialisierten Zeiten eine kaum zu stemmende Mammutaufgabe werden. Die Ansprüche sind durch erfolgreiche Vorgänger hoch und das Zeit-/Geld-budget knapp. Natürlich, damals™ ging es auch schon um den schnöden Mammon, wenn Spiele langsam aber sicher das Licht der Welt erblickten, doch ist die Entwicklung heutzutage immer anspruchsvoller, umfangreicher und kostenintensiver und muss innerhalb kürzester Zeit stattfinden. Wen wundert es da, dass lange erwartete Fortsetzungen von Klassikern aus Kindheitstagen plötzlich weniger Funktionen aufweisen als ihr viel älterer Vorgänger. Wenn diese dann auch noch bei der verfrühten Veröffentlichung vor Fehlern strotzen, macht sich Frust breit und einstige Serienfans schimpfen voller Enttäuschung aus allen Rohren auf das einstige Objekt der Begierde.
Damit das nicht geschieht, geht mancher Rechteinhaber einen alternativen Weg und verzichtet darauf das Rad neu zu erfinden. Das einstige Vorzeigespiel wird Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in einer aufpolierten Variante neu aufgelegt und der Spieler erhält (hoffentlich) das Objekt das er früher™ so sehr geliebt hat. Gleichzeitig zieht eine angepasste Optik und Mechanik Spieler heran, die bei Erstveröffentlichung noch viel zu jung waren um zur Zielgruppe zu gehören. So geschehen mit Neverwinter Nights: Enhanced Edition. Beamdog hat uns freundlicherweise eine Version zum Testen zur Verfügung gestellt. Mit einem Blick in die Vergangenheit auf den Linuxtag 2003 in Karlsruhe, wo wir das originale Neverwinter Nights, siehe Bild unten, Rechner in der Bildmitte, ebenfalls in einer nativen Linux-Version, präsentieren konnten, beginnen wir unser Review.

Der Text dieses Beitrags ist in leicht abgewandelter Form ebenfalls in Videoform verfügbar.

Historie

Zu Beginn geht die Reise in eine Zeit in der Steam kaum erdacht, bzw. für viele kurze Zeit darauf höchstens ein lästiges Beiwerk zum Spielen von Counter Strike und sonst weitestgehend verachtet war. Wir schreiben das Jahr 2002 und Atari veröffentlichte seinen neusten Titel, Neverwinter Nights, schon zu dieser Zeit todesmutig für Windows- Mac- und Linux-PC. Das auf das Dungeons and Dragons Regelwerk aufbauende Rollenspiel aus dem Hause Bioware war keinesfalls das erste seiner Zunft, sprach jedoch viele Spieler wegen seines Spielprinzip, dem Diablo 2 überlegenen optischen Eigenschaften und nicht zuletzt wegen des beiliegenden Editors an. Letzterer erlaubte die Entstehung einer lebhaften und eingefleischten Community, welche sich selbst über lange Zeit mit neuen Inhalten und Ergänzungen zum Hauptspiel bereicherte. Bioware selbst lieferte bis 2008, also 6 Jahre nach Erstveröffentlichung, Patches und Korrekturen für den Titel nach, bevor mit Version 1.69 schließlich der Support eingestellt wurde.

Linuxversion

Noch heute steht der Linuxspielemarkt in keinem Vergleich mit dem von Windows. Zwar ist die Anzahl der Spieleneuerscheinungen mit zeitgleicher oder späterer portierten Linux-Version deutlich gestiegen, von einer Gelddruckmaschine ist Spielen unter Linux jedoch noch weit entfernt. Man stelle sich diesen harten Markt, auf dem wir in den letzten Jahren definitiv enorme(!) Fortschritte verzeichnen konnte, im Jahre 2002 vor. Sind Linuxspieler heute im Vergleich Wenige, dürfte diese Gruppe von Computernutzern zu dieser Zeit quasi nicht wahrnehmbar existent gewesen sein. Leider förderte (m)eine Recherche zu dem Thema, warum man sich trotzdem zu einer Portierung entschied, keine brauchbaren Ergebnisse zu Tage. Fakt ist jedoch, dass Bioware mit der Veröffentlichung einer Version für Linux einen Nischenmarkt sondergleichen bediente.
Das Spielen unter Linux nicht immer derart einfach war wie es sich heute darstellt zeigt auch der Holarse-Artikel zu Neverwinter Nights sehr deutlich. Mit circa 2400 Worten (~17900 Zeichen) füllt der Artikel in ein Officedokument gepackt etwa 10 DIN-A4 Seiten. Hier lassen sich verschiedene Wege der Installation unter Linux, Tipps und Tricks aber auch Hinweise auf die verschiedenen Zusatzpakete welche mit der Zeit für den Titel entstanden sind finden. Vor allem die aus rechtlichen Gründen in der Linuxversion nicht enthaltenen Videodateien sorgten für ein informelles Aufblühen des Artikels.

Enhanced Edition

Wer annimmt, dass es sich bei der Enhanced Edition um ein lieblos hochgezüchtetes Experiment unerfahrener Entwickler handelt, der irrt. Mark Brockington und Jason Knipe, beide beteiligt an der Entwicklung des Originals von 2002, waren erneut an der Entwicklung der aufgehübschten Version beteiligt. Brockington war seiner Zeit federführend für den Bereich Multiplayer und Scripting zuständig, Knipe hingegen schrieb die dem Spiel zugrundeliegende Aurora-Engine. Ferner befindet sich Trent Oster, der Projektdirektor von damals, ebenfalls mit an der Bord und leitet das hinter der Neuveröffentlichung stehende Team. Personen wie Bernhard "niv" Stöckner, einer der Communty-Betreuer von Neverwinter Vault, aber auch weitere Personen aus dem Modding-Bereich rund um Neverwinter Nights haben den Weg der Entwicklung der Enhanced Edition begleitet und ihre Eindrücke miteinfließen lassen.

Die Enhanced Edition beinhaltet die originale Neverwinter Nights Kampagne, die beiden Expansionspakete "Shadows of Undrentide" und "Hordes of the Underdark" sowie darüber hinaus 3 Premiummodule, namentlich Kingmaker, ShadowGuard und Witch’s Wake. Soweit nichts Neues, all diese Inhalte sind auch mit dem in die Jahre gekommenen Original zu haben. Womit die Enhanced Editon auftrumpfen kann ist die Anpassung an aktuelle Monitore. Es wird sowohl 1080p als auch 4K unterstützt, was sich bei zweiterem besonders in der Darstellung von Inventaranzeige und anderen Fenstern bemerkbar macht. Auch die Grafikkarte bekommt einen Ticken mehr zu tun, da die Engine um Pixel Shader, zusätzliche Effekte und allgemein knackigere und deutlichere Darstellung ergänzt wurde. Die neuen Grafikoptionen lassen sich in den Optionen nach den eigenen Wünschen anpassen. Wer absolut oldschool sein möchte wählt den Vollbildschirmmodus mit niedriger 4:3 Auflösung und deaktiviert jeglichen grafischen KlimmBim. Ein ganz besonderes Schmankerl laut der Entwickler ist die Abwärtskompatibilität. Wer als Spieler bereits einen viele Stunden schweren Spielstand des Originals besitzt, soll diesen ohne weiteres in die Enhanced Edition importieren und fortführen können. Selbiges gilt auch für benutzergenerierte Inhalte wie Mods und angepasste Kampagnen.

Direkt nach dem Verkaufsstart stehen dem eingefleischten Fan unmittebar danach sämtliche weitere Sonderinhalte zum Spiel zur Verfügung. Darunter unter anderem "Pirates of the Sword Coast" aber auch der digitale Soundtrack oder das "Heroes of the Neverwinter Portrait Pack (DLC)". Der Bequemlichkeit halber wird ein Komplettpaket mit dem Namen Neverwinter Nights: Enhanced Edition Digital Deluxe angeboten welches diese und weitere Inhalte aufweist.

Worte zum Spiel selbst

In Neverwinter Nights: Enhanced Edition übernimmt man die Rolle eines vordefinierten oder selbsterstellten Helden der in die Geschehnisse der schwer angeschlagenen Stadt Niewinter (Neverwinter) verwickelt wird. Nach dem Kreieren eines Charakters, inklusive Wahl des Geschlechts, Wahl der Rasse, Vergabe von Spezialfähigkeiten, usw., findet man sich selbst in der Akademie wieder in welcher man allerlei Kurse besuchen muss/kann um die Spielmechaniken zu erlernen. Ist das Tutorial durchlaufen beginnt das eigentliche Abenteuer mit einem Überfall auf besagte Akademie und man sieht sich fortan in die Schlacht für das vermeintlich Gute geschickt.
Spielerisch hat sich zur Freude aller wenig verändert. Gesteuert werden kann über Mausklicks aber auch über WASD ist es möglich den Charakter über den Bildschirm zu bewegen. In den Einstellungen lassen sich verschiedene dazu passenden Kameraeinstellungen wählen. Man nimmt Aufgaben von NPCs entgegen, hangelt sich am Hauptstrang der Geschichte entlang, erfüllt hier und da nebensächliche Aufgaben und kommt so immer mehr der eigentlichen Geschichte des Spiels auf die Schliche. Im Laufe des Abenteuers erlangt man über Handel, das Erledigen von Aufgaben oder schieres Glück beim 'looten' von Gegnern immer weiter neue bessere Ausrüstung die den eigenen Charakter schützen, verstärken oder anderweitig bevorteilen. Mit jeder erledigten Aufgabe erhält man Erfahrungspunkte die den Spieler früher oder später Stufen aufsteigen lassen. Mit jeder neuen Stufe können Punkte auf Fähigkeiten vergeben werden die fortan besser ausgeführt werden können. Diese und weitere Eigenheiten des Spiels sowie das Kampfsystem an sich orientieren sich an der 3. Edition des D&D-Regelwerks. Bereits vor offiziellem Start des Verkaufs am 27. März stehen viele Server überall auf der Welt zur Verfügung und laden zum Mehrspielermodus ein.

Erwerb & Installation

Neverwinter Nights: Enhanced Edition wird ab dem 27. März 2018 zum Preis von etwa 20€ auf Steam zu erstehen sein. Direkt auf der Homepage von Beamdog war und ist es möglich das Spiel nach erfolgter Registrierung (vorab) zu erwerben. Die FAQ spricht davon, dass dort erworbene Spiele ebenfalls einen Steamkey erhalten. Der Preis für die Neverwinter Nights: Enhanced Edition Digital Deluxe liegt aktuell bei circa 40€. Ob es auch eine Version abseits von Steam geben wird, war bei Erstellung dieses Textes nicht einwandfrei festzustellen. Ebenfalls im FAQ wird allenfalls darauf verwiesen, dass man beim Kauf über Beamdog.com einen Steam-Key erhält. Es ist aus den Informationen dort nicht heraus zu interpretieren ob dieser zusätzlich zum regulären Download einer Non-Steam Version angeboten wird oder ob man auch beim Kauf über Beamdog.com lediglich einen Steamschlüssel erhält.
Die Installation an sich verläuft via Steam in bekanntem Rahmen. Der mit 7,5GB recht groß angekündigte Download (benötigter Festplattenplatz) schmilzt nach dem Start des Vorgangs auf lediglich 4,3 GB herunter. Das Spiel an sich startet und läuft selbst auf einem in die Jahre gekommenen Acer Aspice One 756 mit Intel HD Chip. Allerdings verzichtet man auf einem solchen Gerät lieber auf einige der neuen Grafikoptionen. Wie immer gilt, je besser die Hardware desto besser die Darstellung, auch bei diesem alten Titel. Im Test zeigten weder Nvidia, noch AMD oder Intel Chips fehlerhafte Darstellungen. Eine Übertragung der Spielstände via Steam (Steam-Cloud) zwischen verschiedenen PCs scheint hingegen nicht implementiert.

Fazit

Kennt ihr das? Ihr grabt euer Lieblingsspiel nach Jahren mal wieder aus, habt noch die tolle Grafik, den spitzenmäßigen Sound und das realistische Gefühl im Kopf wie das alles damals™ war und wenn ihr das gute Stück Software dann startet fühlt ihr euch vor den Kopf gestoßen und dem Tode durch Augen- und Ohrenkrebs nahe? Fürchtet nicht, Neverwinter Nights: Enhanced Edition kompensiert genau diese Erscheinungen und projiziert die Wunschvorstellung aus eurem Kopf nahezu identisch auf das Display vor euch. Die grafischen Verbesserungen im Vergleich zu früher lassen einen über diverse grobe Kanten hinwegsehen und auch der Support für hohe Auflösungen tut sein übriges zur Verbesserung der Lage. Die Tonausgabe jedoch macht keinen Unterschied zur Version von 2002. Über Steam stehen verschiedene einstellbare Sprachen zur Verfügung was deutschsprachige Spieler, die richtigen Sprachkenntnisse vorausgesetzt, mit wenigen Klicks zur leicht besseren englischen Synchro wechseln lässt. Alles in allem bietet die Enhanced Edition eine solide Neuauflage eines gefühlt urlalten Klassikers. Interessant für Fands von Dungeons and Dragons aber auch für Freunde der damaligen Zeit vielleicht nochmal eine Investition von einigen Euro wert. Wie eingangs erwähnt ist eine überarbeitete Enhanced Edition eines Klassikers letztendlich mehr wert als ein professionell verhunzter Nachfolger.

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