100 Tage Proton, ein kleines Re­sü­mee

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Vor etwas über 100 Tagen, am 21. August 2018, stellte Valve ein neues Steam Play und damit Proton vor. Ein Kompatibilitätslayer, basierend auf Wine, direkt im Steam Client integriert um Windows Spiele unter Linux zu nutzen. Ich wage ein kleines persönliches Re­sü­mee.

Systemkonfiguration

OS: Linux Mint 19.1 Tessa
CPU: AMD Ryzen 7 1700
GPU: GeForce GTX 1080 (396.54.09)
RAM: 32 GB

Aber fangen wir vorne an, was sind überhaupt Steam Play und Proton?

Steam Play ist der Begriff unter dem Valve auf der Steam Plattform Spiele zusammenfasst, welche mehr als nur eine Plattform bedienen und mit nur einem Kauf auf allen diesen Verfügbar sind. Am 21. August 2018 erweiterte Valve den Begriff aber insofern, das in Steam nun unter dem Namen Proton ein eigener auf Wine basierter Wrapper verfügbar ist. Mit diesem ist es möglich unkompliziert Windows Spiele im Linux Client von Steam zu spielen.

Proton bedient sich dabei bei vielen verschiedenen Patchsets die es für Wine gibt (z.B. Wine-staging und esync) und nutzt darüber hinaus ebenfalls DXVK um DirectX 10 und 11 Spiele performant zu rendern.

Darüber hinaus bietet Valve auch Support für solche Spiele die auf der eigenen "Whitelist" stehen, bedeutet das bei Problemen Valve sich darum kümmert diese zu beseitigen. Derzeit stehen 107 Spiele auf dieser Whitelist.

Diese Spiele sind in der Standardkonfiguration auch die einzigen die sich über Steam Play nutzen lassen. In den Steam Einstellungen unter dem Menü Punkt Steam Play, lässt sich Proton allerdings für alle Windows-Spiele - die keinen nativen Port haben - aktivieren.

Meine Erfahrung

Da ich reichlich Windows Spiele in meiner Steam Bibliothek besitze, war es natürlich verlockend das ganze mal näher zu betrachten. Ich werde hier nicht auf alle Spiele im detail eingehen können, die ich getestet habe, aber ich möchte einen Überblick darüber geben wie sich das für mich dargestellt hat und was euch vielleicht erwartet.

Das Spiel welches ich als erstes testete, war The Witcher 3, dieses Spiel lief bereits seit geraumer Zeit mit Wine + DXVK und ich erwartete hier keine negative Überraschung. Und ich bekam auch keine, das Spiel läuft ohne jedwede Anpassung meinerseits. Man sollte allerdings einen Grafikkartentreiber nutzen, der bereits Vulkan 1.1.88 unterstützt und ebenfalls Proton in Version 3.16 in den Steam Play Einstellungen wählen. Andernfalls gibt es ein paar Gegner die unsichtbar bleiben.

Ein anderes Spiel welches auf den ersten Blick ebenfalls perfekt funktioniert, ist METAL GEAR SOLID V THE PHANTOM PAIN. Die Performance war durchgehend sehr gut und es gab keinerlei Grafikfehler oder ähnliches. Allerdings muss man sich hier mit dem reinen Einzelspielermodus zufrieden geben, denn der Online Modus funktioniert nicht. Dies kann einem in vielen Spielen mit Online Modus passieren, ganz besonders wenn diese einen Anti-Cheat benutzen.

Der direkte Vorgänger zu PHANTOM PAIN, GROUND ZEROES hingegen verwehrte das Spielen vollständig. Es startete erst gar nicht.

Darksiders Warmastered Edition lief augenscheinlich auch perfekt, mit Ausnahme das die Filmsequenzen nicht abgespielt werden. Dies ist natürlich etwas schade, denn die gesamte Geschichte des Spiels wird darüber erzählt und da die Filme einfach übersprungen werden, landet man ohne jedwede Erklärung von einem Schauplatz im anderen. Was sehr verwirrend ist.

Weiterhin gibt es Spiele wie z.B. Little Nightmares, welche manuelles eingreifen des Nutzers benötigen. In diesem Fall muss in das Wineprefix "xact" installiert werden, "xaudio2_7" auf nativ gesetzt und zu guter letzte muss auch noch der Startparameter "-onethread" hinzugefügt werden. Wie der Startparameter schon verrät, läuft das Spiel dann nur auf einem CPU Thread und kann dadurch, besonders auf langsameren CPUs, zu niedrigen FPS führen.

Da ich den Artikel nicht unnötig aufblähen möchte, hier eine kleine Aufzählung an Spielen die bei mir problemlos funktionieren: Batman: Arkham Origins, Ethan: Meteor Hunter, Homefront: The Revolution, Prey (2017), Sins of a Solar Empire: Rebellion, Stories: The Path of Destinies, Thief (2014). Und noch viele weitere vor allem kleinere Casual Spiele wie Faerie Solitaire Remastered, Luxor Amun Rising HD, Luxor: Evolved oder LUXOR: Mah Jong.

Dies waren nun ausschließlich Spiele die nicht auf der Whitelist stehen, hier nun solche die auf der Whitelist stehen und völlig Problemlos funktionieren: Castle Crashers, Dungeon of the Endless, Glass Masquerade, Nidhogg, PAYDAY: The Heist und Tropico 4.

Community Anstrengungen

Die Linux Community wäre nicht was sie ist, wenn sie nicht bereits Anstrengungen unternommen hätte das Potential aus Steam Play/Proton zu nutzen um es zu verbessern. Zum einen melden Spieler kräftig ihre Erlebnisse im offiziellen Proton Github Repository von Valve. Zum anderen gibt es eine unabhängige Website die, ähnlich zu WineHQ, Nutzerwertungen sammelt und aufbereitet zur Verfügung stellt: ProtonDB.

Weiterhin gibt es bereits Tools um Spiele zum laufen zu bekommen, die nicht so ohne weiteres starten wollen oder andere Probleme haben. Da wäre z.B. Protontricks, ein Layer für Winetricks der die Nutzung der Proton Prefixes deutlich vereinfacht. Oder ProtonFixes, dieses Tool installiert automatisiert bekannte Lösungen für Spiele die Probleme verursachen.

Fazit

Wie ihr seht kann das Erlebnis von Spiel zu Spiel sehr unterschiedlich sein. Wer sich allerdings ausschließlich auf die von Valve unterstützen Whitelisted Spiele konzentriert, sollte keine großen Überraschungen erwarten müssen, muss aber mit einer recht überschaubaren Anzahl an Spielen vorlieb nehmen. Wer sich auf unsicheres Terrain begibt kann die Anzahl an funktionierenden Spielen deutlich erhöhen und selbst sperrige Spiele zum laufen bekommen.

Habt ihr euch Steam Play/Proton schon einmal näher angeschaut und Spiele damit getestet? Wenn ja, wie waren eure Erfahrungen?

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meldrian
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100 Tage Proton und es ist immer noch nicht absehbar ob das jetzt ein Segen für die Spielerei unter Linux ist oder den absoluten Untergang des Linuxgaming besiegelt, da zukünftig alles via Proton gangbar gemacht wird und nichts mehr nativ portiert werden muss.
Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen ;)

pantzi
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ich sehe das problem bei deinem "untergang" nicht
selbst, wenn alle hersteller nur noch auf proton setzen kannst du die spiele spielen und ist das nicht das eigentliche ziel? wo ist dann das ende von linuxgaming, wenn es plötzlich viel mehr zu spielen gibt?

hitman 2 läuft gut, shadow of the tomb raider soll gut laufen, die wolfenstein spiele mit VULKAN haben selbst von der perfomance her kaum unterschied zur windowsversion

angenommen AAA hersteller wie von cyberpunk, assassins creed, gta, etc würde auf vulkan setzen und es für proton lauffähig machen, dann hätte ich absolut kein problem damit. bevor es diese spiele er gar nicht für linxu gibt, dann nehme ich auch die protonversion

kloß
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Ich habe mit Proton noch gar nicht versucht irgendetwas zu starten und werde das in naher Zukunft wohl auch nicht tun. Ich nutze Steam ohnehin nur selten. Ich habe auch noch gar nicht versucht ein Steamspiel für Windows über wine zu spielen.

pantzi
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ich sehe das ganze nur positiv. mir ist es egal wie man spiele auf linux spielen kann, solange man sie spielen kann
natürlich wäre für grafisch aufwendige spiele ein nativer port besser, aber man sieht auch bei VULKAN spielen, dass es eine möglichkeit gibt diesen unterschied sehr gering zu halten

bethesda wird zB in naher zukunft linux nicht unterstützen. mit proton kann man aber viele ihrer spiele spielen. fallout, prey, wolfenstein, doom, dishonored, rage (rage 2 vielleicht auch, wenn sie vulkan benutzen)

rumsitzen und hoffen, dass hersteller doch bitte endlich linux supporten hat in den letzten jahren icht funktioniert und mit einem marktanteil auf steam unter 1% schaut es auch in zukunft nicht so gut aus

in den nächsten monaten und jahren sollte man soviele spiele mit proton zum laufen bekommen wie möglich, weil dann erst könnten sich neue windowsumsteiger finden und erst dann, wenn der marktanteil steigt kann man auch wieder native protierungen fordern

achja, ihr könntet doch mal eine anleitung für winetricks machen

edelstoffl
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Beiträge: 10

Ich finde Proton bisher geil - und "leider" muss ich sagen, dass viele Windows-Spiele per Proton oft besser laufen, als native Linux-Spiele auf meiner bisherigen Lieblingsplatform gog.com. Manche gehen da trotz Linux-Support gar nicht. Aktuell sehe ich es als Segen - Proton ändert ja nichts an den anderen offensichtlichen Vorteilen von Linux (Stabilität, Sicherheit u.ä.) Es war im Gegenteil für mich der Auslöser, Windows endgültig von meiner Festplatte zu schubsen - ich hatte immer noch eine Win-Partition, um darauf Windows-only-Titel zu zocken. War ein Gefühl wie damals, als ich aus der Kirche ausgetreten bin :)

Mein System: Ryzen 2600, 16 GB RAM, Nvidia GTX 1060, Linux Mint 19 Cinnamon
Bei mir läuft bisher problemlos:

Sniper Elite
Avernum-Reihe
Dungeon Siege
Grand Theft Auto V
Fallout 3 und New Vegas
Total War Medieval 2
Total War Rome
TES: Morrowind, Oblivion, Sykrim
Skyrim Special Edition läuft auch - aber ulkigerweise hört man keine Stimmen. Ein Bug, den ich ich noch nicht durchschaut habe...weiß da jemand was?

Würde es Sinn machen, auf Holarse eine "eigene Whitelist" anhand User-Erfahrungen rauszubringen?

NoXPhasma
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> Skyrim Special Edition läuft auch - aber ulkigerweise hört man keine Stimmen. Ein Bug, den ich ich noch nicht durchschaut habe...weiß da jemand was?

Das ist ein Problem mit der XAudio Engine und der Implementierung in Wine. Ethan Lee arbeitet aber gerade daran FAudio in Wine zu implementieren, das sollte diese Probleme lösen.

> Würde es Sinn machen, auf Holarse eine "eigene Whitelist" anhand User-Erfahrungen rauszubringen?

Wir haben schon den "Proton" Tag unter dem Wiki Artikel erstellt werden können. Wir freuen uns über jeden der sich mit am Wiki beteiligt. Eine Whitelist finde ich allerdings etwas schwierig, aber es schadet sicher nicht wenn Nutzer ihre Erfahrungen zu den entsprechenden Titeln in den Kommentaren zu den entsprechenden Wiki Artikeln verfassen.

enzenb
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Ich sehe es zwar erst mal positiv, wenn Valve freie Software wie Wine und DXVK mitentwickelt und damit auch mehr Windows-Spiele unter Linux laufen. Ich habe aber gemischte Erfahrungen mit Wine gemacht. Manchmal läuft ein Spiel recht gut, aber in der nächsten Patch-Version oder mit neuem Grafiktreiber plötzlich wieder nicht oder nur mit viel Frickeln.

Daher ist für mich die wichtigste Neuerung, dass es für die Spiele auf der Whitelist Support gibt, auch wenn mir lieber wäre, dass die Spiele-Entwickler (oder von ihnen beauftragte Firmen wie Feral) die Proton-Version ihres Spiels supporten. Wenn das Valve selbst macht, skaliert das nicht.

Arrax
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Beiträge: 36

Seitdem es Proton gibt habe ich mir die Special Editions von Monkey Island 1 & 2 gekauft und installiert.
Läuft spitze soweit.

Dennoch hoffe ich, daß es weiterhin mehr native Linux Versionen/Portierungen geben wird.

entropie
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Ich sehe die Proton Geschichte noch ein bißchen anders. Für mich zeigt sie das Potential des Vulkantreibers auf.
Es gibt ja viele Spekulationen, warum Valve die Linuxgemeinde immer so stark unterstützt, eine gründet sich auf Gabe Newell's Verhalten immer gegen solche Platformanbieter zu wettern, die Steam ausschließen. So war es in der Vergangenheit mit der Playstation und für die Zukunft sieht er den Windows Store als Herausforderung. MSoft hat ja durchaus schon die Überlegungen verlautbart, künftig alle Installationen in Windows über den hauseigenen App-Store laufen zu lassen.
Die Unterstützung, die er jetzt Linux zu kommen lässt in Steam, macht sich ja in Nutzerzahlen kaum bemerkbar. In 100 Tagen Proton hat man für Nov 2018 jetzt zumindest die magere 0,8% Grenze Linux-Anteil in Steam erreicht. Denke proton wird den Anteil auch nur minimal ändern, denn dem durchschnittlichen Windowsgamer ist es egal, dass er Windows hat, der will nur Zocken können (ist ja auch verständlich). Dazu machen die großen Produktionstitel immer noch Probleme mit Proton. PUBG läuft nicht, wegen des Anti-Cheat-Clients und Fortnite (nicht auf Steam) z.B. auch nicht. Die Anti-Cheat-Problematik lässt sich auch nur schwerlich mit Proton umgehen, ich glaube nicht, dass die Entwickler solcher Tools, da ein gesteigertes Interesse haben, in die Entwicklung einzusteigen.

Proton zeigt aber, was die Vulkanengine kann. Ich habe mittlerweile bestimmt über 50 Windowsgames in Betrieb entweder via d3d 9, OpenGL oder DXVK und die DXVK Games laufen besser als in Windows. Die Ladezeiten sind alle drastisch verkürzt und die Reaktionszeiten von Fenstern und Übergängen sind einfach viel schneller als in Windows. Und es ist halt möglich einen wrapper über DX10 & DX11 zu legen und es damit windows-unabhängig zu machen. Das ist für mich die technisch größte Meisterleistung. Ein Wrapper für DX12 ist mit vkd3d in der Entwicklung. Neue DX12 games kommen kaum und man kann schon meinen die Spieleentwickler lernen grade Vulkan, da dort die cross-platform Kombabilität halt gegeben ist, was es gerade für Android Ports interessant macht. Das würde auch wieder zu mehr nativen Linux Versionen führen.

Ich habe vor Kurzem Outcast: Second Contact zum laufen bekommen, mit dem nvidia beta Treiber 396.54.09 mit stream output und proton-16.4 und das ist ein reines DX11 game für Windows entwickelt. Das war schon toll zu sehen, wie es mit max fps flüssig ohne Probleme auf nem Linuxrechner läuft. Ein Traum wurde wahr. :)

Eine weitere Geschichte ist VR, DXVK macht da sehr gute Arbeit, viele VR games laufen out of the box. Die Herausforderung im VR Bereich ist es, die Anforderungen an die Grafikhardware zu senken, während man gleichzeitig, die Bildschärfe verbessert, also die Auflösung erhöht bei mindestens 90 Hz. Meine GTX 1060 ist schon fast zu schwach für VR, eigentlich braucht man mindestens eine GTX 1080, das sind wahnsinnige Hardwareanforderungen. Valve hat jetzt in der SteamVR Beta GPU Smoothing eingeführt (geht leider erst unter windows und nur bei nvidia und htc vive), dabei werden weniger Bilder gerendert und die Software versucht die nicht gerenderten Bilder zu erraten via CPU. Das ist ziemlich genial, bekomme VR games jetzt auf knapp 3500 x 2000 px @ 90Hz gerenderten Bildern und es läuft flüssig, mit ganz seltenen Grafikglichtes.
Vulkan hat hier großes Potential als schlanke und trotzdem leistungsfähige API der Entwicklungsstandard zu werden.

Ich möchte gar nicht, dass Linux Mainstream wird, ich möchte nur, dass ich auf Linux Alles machen kann, was ich will und ich denke das OS hat das Potential dazu. Ein Mainstream OS brauch ich nicht, sonst wär ich ja bei Windows :)

DangerousBeans
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Beiträge: 37

Die einzige Art, wie Proton der Linux-Community schaden könnte, wäre, weil die ganzen Nerds jetzt mehr zocken und weniger freie Software entwickeln.

Ich persönlich habe seit Valves Coup vor drei Monaten schon eine ganze Menge Zeit damit versenkt. Neben zahlreichen zuvor nutzlosen Keys für Windows-Spiele habe ich mittlerweile auch schon einige Titel gekauft, um sie mit Proton zu spielen. Dank der Bewertungen bei ProtonDB kann man ja ganz gut abschätzen, wie gut ein Spiel funktionieren wird, und im Notfall gibt es immer die Option der Rückgabe.

Die bislang für mich interessantesten Proton-Titel: